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Oberschulen setzen auf stete Weiterbildung zur Inklusion

Klingel mit Rollstuhlsymbol (c) BrandtMarke / pixelio.de

Auf Unsicherheit folgt Aufbruchsstimmung im Lehrerzimmer: Oberschulen im Landkreis Hildesheim holen die Uni ins Boot und bilden über mehrere Monate ihre Kollegien fort. Das Programm könnte für weitere Schulen in der Region ein Modell sein. Die Universität Hildesheim bildet Lehrkräfte und ganze Lehrerkollegien umfassend und berufsbegleitend fort. „Täglich tauchen neue Fragen auf“, so die Lehrerin Kathrin Harms. Deshalb sei eine „kontinuierliche Begleitung hilfreich“.

Zunächst waren da Angst und Sorge, man „wurde überrollt“. Als bekannt wurde, dass in Niedersachsen inklusive Schulen eingeführt werden, fragten sich die Söhlder Lehrerinnen Rebecca Hammecke und Kathrin Harms, wie sie dies schaffen sollen. Schließlich haben sie „nicht Sonderpädagogik studiert“, so Harms.

Seit August leitet die 37-jährige Harms nun eine 5. Klasse, in der Kinder mit Autismus, mit Lese- und Rechtschreibschwächen, mit Lernverzögerungen und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten – aber auch jene, die den Sprung aufs Gymnasium schaffen können – gemeinsam lernen. „Ich finde es unbefriedigend, wenn ich aus der Stunde gehe und ich nicht allen Kindern gerecht werden konnte“, sagt die Lehrerin der Oberschule Söhlde. Lehrer sollten sich „nicht entziehen und vielmehr Rücksicht auf den einzelnen Schüler und jeden ernst nehmen“. Wie sie mit der „weiten Streuung“ im Schulalltag umgehen und „Unterricht zieldifferent gestalten“ können, das kann das Lehrerkollegium „nicht ohne Hilfestellung von außen lernen“, verdeutlicht Harms. Sie nennt Beispiele aus dem Unterrichtsalltag: So werden nun Arbeiten differenzierter bewertet, Textlängen und Bilder auf Arbeitsblättern in mehreren Versionen angepasst, der Kontakt zu den Eltern gepflegt und Lernformen eingesetzt, bei denen Mitschüler einander unterstützen „Täglich tauchen neue Fragen auf“, fasst Harms zusammen. Und deshalb seien weniger kurzfristige Lösungen denn eine „kontinuierliche Begleitung hilfreich“.

Weg zur inklusiven Schule – zweijährige Weiterbildungsreihe für Lehrende

Beide Lehrerinnen nehmen an einem Programm teil, das für weitere Schulen in der Region ein Modell sein könnte. Seit Schuljahresbeginn im Herbst 2013 begleitet die Universität Hildesheim die Oberschulen Söhlde und Nordstemmen auf dem Weg zur inklusiven Schule. Dabei setzen die Schulen auf eine zweijährige Weiterbildungsreihe für Lehrende, pädagogisches Personal sowie Schüler- und Elternvertreter. In dieser Woche informierten sich an der Uni 60 Lehrkräfte aus beiden Kollegien, wie sie Lernprozesse besser wahrnehmen und fördern können. Die Uni setzt dabei auf anerkannte Referenten und auf die Qualität der Schulungen. „Es sind ja nicht nur die gravierenden Fälle. Manche Verhaltensauffälligkeiten tauchen erst nach und nach auf“, sagt Rebecca Hammecke und verweist auf eine Schülerin, die „einfach nicht spricht, sie redet bei keinem Lehrer“. Ein nächster Schritt sei auch, den Unterricht voneinander zu beobachten und zu besprechen sowie mit Fachleuten zusammenzuarbeiten, ergänzt Hammecke. So hat das Kollegium etwa das Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte besucht.

„Nicht alle laufen mit Begeisterung los, aber das gesamte Kollegium weiß, dass wir uns bewegen müssen“, sagt Uwe Meinhardt. Nach einem halben Jahr äußert sich der Schulleiter aus Söhlde vorsichtig optimistisch. Besonders freut sich Meinhardt über die Aufbruchsstimmung im Lehrerzimmer. „Jetzt muss ich als Schulleiter die Rahmenbedingungen gestalten und Weiterbildungen ermöglichen. Wir setzen auf den Anstoß von außen durch die Uni und gehen einen Schritt nach dem anderen.“

Inklusion geht nur gemeinsam

Seine Oberschule ist eine der ersten, die nicht nur das gesamte Kollegium umfassend fortbildet, sondern auch die Eltern und Schülerinnen in den Veränderungsprozess einbezieht. So steht als nächstes für die Lehrer eine Weiterbildung an, um auf der Bewertungsebene mit der Verschiedenheit der Schülerinnen und Schüler umzugehen. Für Eltern und Schülervertreter steht eine weitere Veranstaltung über die Bedeutung von inklusiver Schule bevor, um Transparenz zu schaffen und an den Einstellungen zu verändern. Und die kollegiale Beratung soll verstärkt werden, Feedback und die Reflexion von Unterricht solle vermehrt in den üblichen Schulalltag eingebunden werden. Bereits vor etwa fünf Jahren war die Schule Vorreiter im Landkreis und hat in Integrationsklassen Kinder mit Behinderungen aufgenommen. Nun arbeiten die Partner auch an einem schulübergreifenden Netzwerk für die Region, so nahmen bereits in dieser Woche Seminarleiter und Lehrer der IGS und Realschule Lengede an der Weiterbildung teil.

Die Weiterbildungen werden von der Universität speziell für die Schulen angeboten und ergeben sich aus der wissenschaftlichen Begleitung. Erziehungswissenschaftler dokumentieren die Entwicklungsprozesse von Lehrern, Veränderungen in Unterricht und Schulleben und erfassen Gelingensbedingungen und Voraussetzungen für inklusives Lernen. „Dabei fällt auf, dass die Lehrkräfte der zunehmenden Vielfalt der Schülerinnen und Schüler mit Unsicherheit begegnen. Zum ersten Zeitpunkt der Untersuchung im Juli 2013 stimmten sie eher selten den Unterricht auf die individuellen Voraussetzungen der Schüler ab. Kooperative Lernformen und Formen offenen Unterrichts wurden unregelmäßig angewendet“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Britta Ostermann von der Uni Hildesheim. „Zudem bestanden grundlegende Fragen hinsichtlich einer angemessen Leistungsbeurteilung, insbesondere beim konstruktiven Umgang mit Nachteilsausgleich. Bei der Analyse der Untersuchungsergebnisse des nächsten Untersuchungszeitpunkts wird es interessant sein, zu beobachten, inwieweit die Haltung gegenüber der Verschiedenheit der Schüler offener geworden ist und sich die Planung sowie Durchführung des Unterrichts verändert hat“, so Britta Ostermann.

INFO: Inklusive Pädagogik in Hildesheim

Seit 2009 gilt eine UN-Konvention, seit 2013 ein Rechtsanspruch in Niedersachsen: Alle Kinder sollen gemeinsam die Schule besuchen können. Die Universität Hildesheim bildet Lehrkräfte aller Schulformen in einem zweijährigen berufsbegleitenden Studiengang „Inklusive Pädagogik“ fort. Einmal im Monat kommen die bisher 70 Lehrerinnen und Lehrer im Alter von 25 bis 60 Jahren zusammen. Sie lernen, wie eine Schule zur inklusiven Schule wird: Von der Zusammenarbeit mit Eltern und Fachleuten bis zu Diagnostik und Umgang mit Konflikten. Unterrichtsbesuche und Lerntandems mit Lehrkräften aus der Schweiz und Italien gehören zum Studienprogramm. Manche Oberschulen bilden ein Vierer-Team fort, die Lehrer geben ihr Wissen an das Kollegium weiter.

Auch die Lehrerausbildung ist gefragt: In Hildesheim – hier wird ein großer Teil der niedersächsischen Grund-, Haupt- und Realschullehrer ausgebildet – wird derzeit eine Professur für Inklusion besetzt. Außerdem setzt die Uni auf die enge Zusammenarbeit mit Partnerschulen: Lehramtsstudenten sind im ersten Studienjahr jeden Freitag im Klassenzimmer. In diesen „Schulpraktischen Studien“ beobachten die angehenden Lehrer ein Mal in der Woche Unterricht. Danach besprechen sie die Beobachtungen in einer studentischen Kleingruppe mit dem Lehrer und einem Erziehungswissenschaftler. Etwa 500 Erstsemester starten so jeden Oktober in ihr erstes Studienjahr – und erhalten früh echte Einblicke in die Schulrealität, etwa an inklusiven Schulen.

In einer Studie erfassen die Professoren Kathrin Hauenschild und Werner Greve von der Universität Hildesheim, welche Rolle Lehrer bei der Umsetzung von Inklusion spielen. Dabei hat das Forscherteam 120 Grundschullehrer befragt, welche Erwartungen ihr Handeln bestimmen. In einem weiteren Projekt untersuchen Psychologen, wie Eltern von behinderten Kindern mit Belastungen umgehen und welche Schulform sie sich für ihre Kinder wünschen.

Kontakt für Schulen:
Interessierte Schulen und Lehrer können sich an die Erziehungswissenschaftlerin Britta Ostermann wenden (osterma@uni-hildesheim.de). Das Kompetenzzentrum für regionale Lehrerfortbildung der Universität Hildesheim bietet passgenaue Fortbildungen für Schulen an.

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