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Ab wann mit der Darmkrebsvorsorge beginnen?

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Im Rahmen des Expertenchat Darmkrebs am 27.03.2014 von 10 bis 16 Uhr wurden viele Fragen gestellt. Nicht alle konnten am Telefon beantwortet werden. Das Experteninterview mit Professor Dr. med. Dirk Arnold, Ärztlicher Direktor der Klinik für Internistische Onkologie an der Klinik für Tumorbiologie Freiburg und Mitglied in nationalen und internationalen Fachgesellschaften beantwortet weitere Fragen zum Darmkrebs, der Darmkrebsprävention und zur Darmkrebsvorsorge. Das Hauptinteresse von Professor Dr. med. Dirk Arnold gilt beim Thema Darmkrebs der Entwicklung moderner Behandlungskonzepte für Patienten mit gastrointestinalen Tumoren sowie optimierten Behandlungsstrukturen.

Risiko und Untersuchung bestimmen

Welche Rolle spielen Ernährung und Bewegung bei der Entstehung von Darmkrebs?

Professor Dr. med. Dirk Arnold: Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehen davon aus, dass etwa ein Drittel aller Krebserkrankungen durch eine ungesunde Lebensweise entstehen und somit eventuell vermieden werden könnten. Übergewicht und Bewegungsmangel beispielsweise können das Risiko, an Krebs zu erkranken, deutlich erhöhen. Auch die Ernährung spielt eine wichtige Rolle – zu viel ballaststoffarmes und fettes Essen, zu wenig Obst und Gemüse und dazu noch regelmäßiger Alkoholkonsum und Rauchen können insbesondere das Darmkrebsrisiko erhöhen. Durch einen gesünderen Lebensstil lässt sich die Darmkrebsrate möglicherweise sogar halbieren.

Ab wann und in welchem Rhythmus sollte man – auch ohne Beschwerden – zur Darmkrebsvorsorge gehen, beziehungsweise eine Darmspiegelung vornehmen lassen?

Professor Dr. med. Dirk Arnold: Allen Patienten, die kein erhöhtes Risiko durch familiäre Vorbelastung oder wegen einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung haben, wird eine Darmkrebsvorsorge ab dem 50. Lebensjahr empfohlen, denn ab diesem Alter steigt das Risiko für das Auftreten der Erkrankung steil an. Die Darmspiegelung wird ab einem Alter von 55 Jahren im Rahmen der Darmkrebsvorsoge erstattet und kann im Abstand von zehn Jahren wiederholt werden.

Was passiert bei der Darmspiegelung?

Professor Dr. med. Dirk Arnold: Die Darmspiegelung, in medizinischer Fachsprache Koloskopie genannt, ist die aussagekräftigste und bei weitem sinnvollste Untersuchung zur frühzeitigen Erkennung von Darmkrebs. Hierfür betrachtet der Arzt mit einem speziellen Instrument, dem Endoskop, das Innere des Darms. Über einen Monitor kann er auf diese Weise einen Einblick in das Innere des Darms erhalten. Mit Hilfe des Endoskops können auch Gewebeproben an auffälligen Stellen entnommen sowie Darmpolypen und andere teils gutartige Wucherungen der Darmschleimhaut abgetragen werden – diesen Vorteil hat die Darmspiegelung allen anderen Untersuchungsmethoden weit voraus. Voraussetzung für eine erfolgreiche Darmspiegelung ist aber eine vorangehende Darmreinigung.

Wer ist für Darmkrebs erblich vorbelastet?

Professor Dr. med. Dirk Arnold: Generell unterscheidet man zwischen zwei Arten der Vorbelastung: dem erblich bedingten und dem familiär gehäuften Darmkrebs. Nur fünf bis zehn Prozent aller Darmkrebsfälle sind klar erblich bedingt; den betroffenen Familien ist dies durch das sehr häufige Auftreten zumeist bekannt. In weiteren 20 bis 25 Prozent der Fälle beobachtet man eine Häufung von Darmkrebserkrankungen innerhalb einer Familie. Zu dieser Risikogruppe gehören Patienten, wenn bei ihnen oder einem direkten Verwandten Darmpolypen festgestellt wurden, in ihrer Familie bereits einmal Darmkrebs aufgetreten ist und insbesondere, wenn der Betroffene bei Auftreten der Erkrankung jünger als 50 Jahre alt war. Darüber hinaus gehören Patienten zur Risikogruppe, bei denen selbst oder bei deren direkten Verwandten schon eine andere Krebsart diagnostiziert wurde.

Vorbelastung – wie geh ich damit um?

Wann sollten Menschen mit erblicher Vorbelastung mit der Vorsorge beginnen und wie sollte diese aussehen?

Professor Dr. med. Dirk Arnold: Empfohlen wird eine Darmspiegelung zur Vorsorge zehn Jahre vor dem Zeitpunkt, zu dem erstmalig Darmkrebs bei einem Familienmitglied diagnostiziert wurde. Bei Verdacht auf familiär gehäuften Darmkrebs sollte eine Darmspiegelung bereits im Alter von 25 Jahren durchgeführt werden und bei unauffälligem Befund in einem Rhythmus von zehn Jahren wiederholt werden. Dieser Risikogruppe zugehörige Menschen sollten darüber hinaus auf eine ausgewogene Ernährung und einen gesunden Lebensstil achten.

Wie sieht die Behandlung von Darmkrebs heute aus?

Professor Dr. med. Dirk Arnold: Die Behandlung von Darmkrebs richtet sich nach dem Stadium der Erkrankung. Im Frühstadium (Stadium I) wird die betroffene Darmschleimhaut und eventuell die darunter liegende Muskelschicht operativ entfernt. Bei einem ausgedehnteren Befall im Stadium II und III, der sich aber noch auf den Darm beschränkt, kann das befallene Gewebe und die darunter liegenden befallenen Strukturen wie Lymphknoten und Teile des Bauchfells oder Organe operativ entfernt werden. Diese chirurgische Entfernung hat weiterhin die Heilung zum Ziel. Falls ein erhöhtes Rückfallrisiko besteht, kann unter Umständen eine anschließende „vorbeugende“ Chemotherapie nötig sein. Bei Krebs im Enddarm (Mastdarmkrebs oder Rektumkarzinom) wird vor oder nach der Operation, je nach Ausdehnung, auch eine Strahlen(chemo)therapie nötig sein. Eine regelmäßige Nachsorge ist immer erforderlich. Wenn zusätzlich zum Entstehungsherd im Darm noch Absiedlungen (Metastasen) in anderen Organen – meist Leber oder Lunge – auftreten, liegt ein Stadium IV vor.

Zu einer Operation kommt es in diesem Fall nur, wenn die betroffenen Bereiche ohne zu großes Risiko für den Patienten entfernt werden können. Diese Patienten erhalten zu Beginn eine intensive Chemotherapie, meist in Kombination mit einer zielgerichteten Therapie, die verschiedene Wachstumsmechanismen des Tumors hemmt. Gebräuchlich ist auch die Kombination mehrerer Substanzen. Damit versucht man, den Krebs und die Metastasen so zu verkleinern, dass die Krankheit als „chronische Tumorerkrankung“ möglichst lange ohne Beschwerden verläuft. Bei manchen Patienten besteht sogar das Ziel, die Metastasengröße so zu verringern, dass eine Operation der Metastasen möglich ist – und für wenige Patienten ist mit diesem kombinierten Vorgehen sogar in diesem metastasierten Stadium die Heilung möglich.

Wer hat Aussicht auf Heilung?

Professor Dr. med. Dirk Arnold: Solange der Krebsherd sehr begrenzt auf die Darmschleimhaut ist und mit den umliegenden Strukturen operativ zu entfernen ist (Stadium I), liegt die Heilungsrate bei über 90 Prozent. Auch deshalb ist die Früherkennung so wichtig – neben den Krebs-Vorstufen, die dabei entfernt werden, können gerade auch sehr frühe Stadien der Krebserkrankung erkannt werden. Je früher man existierende Krebserkrankungen erkennt, desto besser sind die Heilungschancen. Bei ausgedehnterem Befall ohne Metastasen (Stadien II-III) hängen die Heilungschancen davon ab, ob der Krebsherd operativ vollständig entfernt werden kann und wie hoch das Rückfallrisiko ist. Zur Einschätzung der Heilungsaussichten gibt man die Fünfjahres-Überlebensrate von 33 bis 71 Prozent an. Diese gibt an, wie viele Patienten voraussichtlich nach fünf Jahren noch am Leben sind. Wenn eine metastasierte Darmkrebserkrankung vorliegt und umliegende Organe von Metastasen befallen sind (Stadium IV), ist eine Heilung heute leider noch die Ausnahme. Die Forschung untersucht jedoch neue Therapieansätze, die zukünftig eine immer bessere Versorgung ermöglichen werden.

Und bei fortgeschrittenem Darmkrebs?

Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs erhalten sehr oft Kombinationen von Chemotherapien mit zielgerichteten Medikamenten. Was bewirken diese Arzneimittel?

Professor Dr. med. Dirk Arnold: Können bei fortgeschrittenem Darmkrebs der Tumor und die vorhandenen Metastasen nicht operativ entfernt werden, wird durch eine Therapie mit modernen, zielgerichteten Medikamenten in Kombination mit einer Chemotherapie versucht, die Metastasen zu verkleinern und letztendlich eine vollständige Entfernung des Tumors zu ermöglichen. Im weit fortgeschrittenen Stadium der Krebserkrankung mit multiplen Metastasen, die sich nicht entfernen lassen, ist das Therapieziel die Verlängerung des Überlebens – aber genauso wichtig ist die Linderung der Symptome bei bestmöglichem Erhalt der Lebensqualität.

Welche Chance bedeuten Chemotherapien in Kombination mit zielgerichteten Medikamenten für den Patienten und worauf muss sich der Patient einstellen?

Professor Dr. med. Dirk Arnold: Die Behandlung von Darmkrebs im Endstadium ist trotz verbesserter Prognose und durch die effektive Kombination von Chemotherapien mit zielgerichteten Medikamenten eine Herausforderung. Die meisten dieser Medikamente greifen an einem oder mehreren Signalwegen im Tumorstoffwechsel an. Durch die Blockade von Signalwegen in der Krebszelle wird verhindert, dass sich zum Beispiel Tumorzellen teilen und die Tumore wachsen lassen. Ein anderes sehr erfolgreiches Therapiekonzept beruht darauf, dass verhindert wird, dass neue Blutgefäße entstehen, die der Tumor für sein Wachstum benötigt. Die kombinierte Therapie ist jedoch auch mit Nebenwirkungen verbunden. Dazu gehören beispielsweise Hautausschlag, Müdigkeit und (schmerzhafte) Schwellungen von Händen und Füßen. Wichtig ist, dass Patienten dann umgehend ihren Arzt informieren, damit er diese unerwünschten Wirkungen frühzeitig behandeln kann.

Alltag mit Darmkrebs

Was ist für Patienten nach der Diagnose Darmkrebs besonders wichtig? Worauf sollten sie im Alltag achten?

Professor Dr. med. Dirk Arnold: Für den Patienten ist es wichtig, den Alltag so normal wie möglich zu gestalten. Oft ist eine Krebserkrankung mit einer mentalen Belastung verbunden, die zu Selbstzweifel und Sinnkrisen führen kann. Schwäche- und Erschöpfungszustände sind zudem häufig eine direkt mit der Behandlung in Verbindung stehende Folge. Wenn Patienten mit Darmkrebs sich schwertun, über ihre Krankheit zu sprechen, ist das häufig eine Schutzreaktion gegen die Übermacht der eigenen Angst. Hier ist ein besonderes Einfühlungsvermögen von Familienangehörigen und Freunden gefragt. Diese sollten Anteilnahme zeigen, aber nicht darauf drängen, alles auszusprechen. Meist kommt irgendwann im Laufe der Krankheit doch der Zeitpunkt, an dem Patienten sich mitteilen.

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