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Experteninterview zum Thema „Rückengesundheit“

Kinderrücken im Schwimmbad (c) Ute Gräske / pixelio.de

Interview mit Alexander Reinert, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Orthopädiezentrum Rankestraße in Berlin, Behandlung orthopädisch-unfallchirurgischer Erkrankungen mit ganzheitlichen Therapiekonzepten

1. Die häufigste Diagnose bei Rückenproblemen ist der „Hexenschuss“. Sollte man in einem solchen Fall gleich zu Spritzen und Medikamenten greifen oder ausschließlich auf die Physiotherapie setzen?

Alexander Reinert: Plötzlich und unvermittelt einsetzende Schmerzen, wie durch einen Hexenschuss, im Rücken verursachen häufig auch Bewegungseinschränkungen und damit auch Ängste beim Patienten, dass sich der Zustand nicht so schnell wieder bessern könnte. Wenn Patienten längere Zeit diese Schmerzen und auch Einschränkungen ertragen müssen, sind Schmerzmittel eine wirksame Hilfe. Es muss nicht immer eine Spritze sein. Die ärztliche Untersuchung führt zu einer Arbeitsdiagnose und erlaubt die individuelle Behandlung der Schmerzen, häufig werden manuell-chiropraktische Techniken angewendet. Ich behandle gerne danach mit Schmerzmitteln und untersuche den Patienten dann kurzfristig wieder. So lässt sich die Behandlungszeit oft deutlich verkürzen.

2. Man liest immer wieder, dass das Durchschnittsalter der Menschen mit Rückenproblemen in den letzten Jahren gesunken ist. Woran liegt es, dass so viele Jüngere schon Probleme mit dem Kreuz haben?

Alexander Reinert: Rückenprobleme lassen sich häufig auf einen Mangel an Bewegung zurückführen. Speziell bei jüngeren Patienten sind selten Strukturstörungen die Ursache von Rückenproblemen, stattdessen sehen wir oftmals Funktionsstörungen, die durch einseitige Belastung oder einen Mangel an Bewegung verursacht sind.

3. Stimmt es, dass bei Rückenbeschwerden noch immer zu oft und zu schnell operiert wird?

Alexander Reinert: Operative Behandlungen werden häufig bei Bandscheibenschäden oder Instabilitäten durchgeführt. Vielen Patienten kann man aber auch Schmerzlinderung und Lebensqualität geben, wenn man sie intensiv konservativ behandelt. Schmerzlinderung in Kombination mit individuellen Muskeltrainingsmethoden wirkt häufig sogar nachhaltiger als eine Bandscheibenoperation. Die Indikation zur Operation sollte also sehr verantwortungsvoll gestellt werden, nach der Operation ist eine qualitativ hochwertige Nachbehandlung erforderlich.

4. Auch die Psyche soll häufig für Rückenschmerzen verantwortlich sein. Was halten Sie von dieser These?

Alexander Reinert: Die Psyche beeinflusst das Auftreten von Schmerzen, das haben viele Studien ergeben. Dabei kann sie sich negativ oder auch positiv auf die Erkrankungssymptome auswirken. Wichtig ist es, immer den Patienten ganzheitlich – also psychisch und physisch – zu betrachten. Die Psyche ist sehr wichtig für das Erleben von Schmerzen und die Schmerzverarbeitung. Dass Schmerzen ausschließlich durch psychische Aspekte ausgelöst werden können, ist aus meiner Sicht allerdings eher selten der Fall.

5. Wie lange dauert eine Therapie bei einem Rückenleiden, beispielsweise bei einem Bandscheibenvorfall, und was halten Sie von der regelmäßigen Einnahme von Schmerzmitteln?

Alexander Reinert: Schmerzmittel werden in der akuten Phase und auch danach regelmäßig nach einem Medikamentenplan eingesetzt. Die Dauer der Therapie von Rückenleiden ist individuell sehr unterschiedlich. Nach einem Bandscheibenvorfall sind die Patienten vier bis zwölf Wochen in Behandlung.

6. Die meisten Rückenleiden entstehen durch zu langes Sitzen vor dem Computer. Welche Tipps haben Sie, um das Kreuz während der Arbeit im Büro zu entlasten?

Alexander Reinert: Die Arbeitsbedingungen sollten ergonomisch sein, Sitz- und Schreibtischhöhe müssen sich also bei längerem Sitzen anpassen lassen. Eine Unterbrechung von monotonen Tätigkeiten sollte im Idealfall jeweils nach 30 bis 45 Minuten eingebaut werden. Auf diese Weise ermüden Muskelgruppen nicht, andere werden aktiviert. Bei Untersuchungen mit Muskelfunktionsanalysen sieht man häufig Falschbelastungen der Muskulatur, die chronisch auftreten. Durch das Training mit „Biofeedback“ lassen sich solche Gewohnheiten wieder ändern. Dies wirkt auch präventiv gegen Schmerzen und langfristige Schädigungen.

7. Wie sollte ein Krafttraining aussehen, mit dem die Muskulatur, welche die Wirbelsäule unterstützt, positiv beeinflusst wird?

Alexander Reinert: Benötigt wird ein individuelles Trainingsprogramm, zugeschnitten auf die jeweiligen Bedürfnisse des Patienten. Kräftigung sollte immer mit Lockerung und Konditionierung der Muskulatur verbunden werden. Muskelgruppen, die geschwächt sind, sollte man stärken, dabei aber die jeweiligen „Gegenspieler“ nicht übersehen. Die Patienten benötigen Anleitung zu eigenen Übungen, auf diese Weise gewinnen sie ein neues Körpergefühl und erlernen, bestimmte Muskelgruppen gezielt anzusteuern.

8. Führen Rückenprobleme nach Ihrer praktischen Erfahrung oft dazu, dass Arbeitnehmer ihre Tätigkeit nicht mehr oder nur begrenzt ausführen können?

Alexander Reinert: Ja, heute sind berufsbedingte Belastungsfaktoren von großer Bedeutung. Es gibt viele Menschen, denen man von bestimmten berufsbedingten Belastungen abraten muss. Dann steht oftmals auch ein Arbeitsplatzwechsel an.

9. Menschen, die unter starken Rückenbeschwerden leiden, wissen oft nicht, ob sie auf absolute Ruhe setzen sollen oder auf Bewegung. Was raten Sie den Betroffenen?

Alexander Reinert: Generell sollte nichts „absolut“ verfolgt werden. Ruhe kann zunächst das Leiden erträglicher machen, ist langfristig jedoch keine Lösung. Moderne Behandlungsansätze vermitteln immer passive und aktive Bewegungsprozesse im tolerierbaren Bereich. Schmerzmittel helfen dabei. Von großer Bedeutung sind die Akupunktur oder auch neuraltherapeutische Behandlungsmethoden. Damit können längere Ruhephasen vermieden werden. Denn auch hier gilt: Wer rastet, der rostet.

10. Wie wichtig ist die Wahl der richtigen Matratze für die Rückengesundheit? Und wozu raten Sie in dieser Beziehung?

Alexander Reinert: Rückengesundheit hat auch mit entspannten Ruhephasen beim Schlafen zu tun, schließlich verbringen wir viele Stunden im Bett. Eine gute Matratze kann also auf keinen Fall schaden. Dabei sollte man auf Atmungsaktivität achten, damit Bettwärme und Feuchtigkeit abgeleitet werden und ein gesundes Klima entsteht. Schwitzen und Verdunstungskälte am Rückenmuskel fördern stattdessen Verspannungen und sollten vermieden werden. Die Härte der Matratze ist von den individuellen Vorlieben des Einzelnen abhängig, extreme Härten sind sicherlich nicht zu empfehlen.

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