Sprachen besser lernen durch Reflektieren

Baby schaut Buch an (c) PublicDomainPictures / pixabay.de

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Wir leben in einer Zeit, in der alles immer schneller gehen muss. Wir verlangen Schnelligkeit von der neuesten Technik, von unseren sofort lieferbaren Amazon-Bestellungen, von all dem, was es sonst noch so gibt, das man auf Schnelligkeit/Geschwindigkeit ‘optimieren’ kann. Wir neigen leider auch oft dazu, Lerner, die gerade dabei sind, sich im Lernprozess zu entfalten, die Pistole auf die Brust zu setzen.

Um ganz ehrlich zu sein: Wenn ich von irgendwelchen Sprachlern-/Lehrmethoden höre, die einem versprechen, eine Sprache super schnell beherrschen zu können, beachte ich sie nicht weiter. Solchen Methoden kann ich einfach kein Vertrauen schenken, egal wie gut die Werbekampagne sein mag. Und wenn ich Fortbildungsseminare für Lehrkräfte besuche, wo propagiert wird, dass man eine ‘tolle Trainingsdynamik’ kreiere, in dem die Lehrkraft so tun solle, als hätte sie gerade 20 Tassen Kaffee getrunken, nicke ich höflich, bis das Seminar vorbei ist, möchte aber nichts davon in meinen Kursen und Workshops umsetzen.

Ich selber bin ein reflektierender Lerntyp. Da ich mich  als Lernerin selbst gut kenne, versuche ich, einen Unterricht zu gestalten, an dem ich selber gerne teilnehmen würde. Als Lernerin, als Lehrkraft und auch als Mensch ist es meiner Meinung nach von zentraler Bedeutung, dem Reflektieren Zeit und Raum zu geben, wenn wir die Entwicklung von sprachlichen Fertigkeiten unterstützen wollen.

Wenn Lerner mit neuen Inhalten, Strukturen, Vokabeln oder Aufgaben konfrontiert werden, stammt die größte Angst von dem enormen Druck, die man verspürt, wenn man das Gefühl hat, man müsse alles gleich perfekt können. Dann hält der Lerner diese Last nicht aus und ist nicht mehr in der Lage, die eigentlichen Inhalte aufzunehmen. (Ein Großteil der Angst auf Seiten der Lehrkraft stammt ebenso vom Druck – man meint, man müsse den kompletten Lehrplan schnellstmöglich abarbeiten, unabhängig davon,  was die Kursteilnehmer wirklich brauchen, um die institutionellen Kriterien/sprachlichen Anforderungen letztlich zu erfüllen. Aber das ist ein anderes Thema…)

Wie aber kann man ans Ziel gelangen, ohne überhaupt erst anzufangen und den Prozess zu durchlaufen?

Meiner Erfahrung nach schalten Lerner meist dann ab, wenn sie sich überfordert fühlen und brauchen eigentlich nur jemanden, der ruhig bleibt und sie liebevoll daran erinnert, dass es/eine gelegentliche Überforderung als Lerner im Lernprozess voll und ganz “in Ordnung” ist. Mit dieser Erkenntnis kann man die Lernenden durch den Prozess des Reflektierens begleiten, sodass er/sie ein gründlicheres Verständnis entwickelt bzw. die Aufgabe bewältigen kann. Im Englischtraining kann das beispielsweise folgende Formen annehmen: die Lehrkraft regt Kursteilnehmer dazu an, Wortwahl oder Sätze näher zu betrachten, macht aufmerksam auf eine Stelle, in der sich ein Fehler befindet und fragt, ob die Teilnehmer ihn finden und korrigieren können oder aber man nimmt Wörter/Sätze auseinander, sodass man leichter mit den kleineren Teilen umgehen kann. Meine Kursteilnehmer wissen (und machen ihre Witze darüber), wenn sie mir eine Antwort geben und ich ihnen die Frage stelle, ‘Wirklich? Sicher?’ gibt es etwas, worüber sie reflektieren müssen.

Sich Zeit zu nehmen und Raum für reflektives Lernen zu schaffen, ist so unglaublich wertvoll; denn hier verinnerlicht man die zu erlernende Sprache, hier konstruiert man seine Identität als Englischlerner/-nutzer, hier hat man die Möglichkeit, der inneren Stimme zuzuhören und zu folgen. Es ist der Raum, in dem man Bedeutung findet, Bedeutung gibt und Bedeutung kreiert. Man muss nur einen Gang herunterschalten und ein bisschen langsamer werden.

‘Spracherwerb… muss als das Meistern linguistischer Funktionen verstanden werden. Das Erlernen der Muttersprache heißt zu lernen, wie man Sprache anwendet sowie die Bedeutungen bzw. die potentiellen Bedeutungen, die mit der Anwendung assoziiert sind, zu (er-)lernen. Die Strukturen, die Wörter und die Laute sind die Verwirklichung der potentiellen Bedeutung. Sprachenlernen heißt lernen zu ’deuten’ (Halliday in Saville-Troike 2006, 53).

Quellenangabe: Saville-Troike, M. (2006) Introducing Second Language Acquisition. Cambridge: Cambridge University Press

Lesen Sie diesen Beitrag auf Englisch.

Über die Autorin

Lisa Stiefel ist seit 2002 als Lehrkraft für Englisch in der Erwachsenenbildung tätig. Aus Philadelphia (USA) stammend hat sie in Deutschland, Dänemark und Irland studiert, gelebt und gearbeitet. Sie bietet Online-Englischtraining sowie andere englischsprachige Dienstleistungen über ihre Webseite www.english-with-lisa.com an.

2 Kommentare zu «Sprachen besser lernen durch Reflektieren»

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