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Unkontrollierter Abgang: Wenn Toilettenetappen das Leben bestimmen

Opa und Enkel (c) Johann Bletgen / pixelio.de

Hans-Peter Graudenz sitzt in seinem Auto, als ihm sein Leben entgleitet. Denn er – ein gesunder, erwachsener Mann – kann plötzlich seinen Stuhl nicht mehr halten. Ein unkontrollierter Abgang. Kurz zuvor war er wegen einer Kleinigkeit am Enddarm operiert worden. Drei Jahre lang bestimmt die Inkontinenz seinen Alltag, ein normales Leben ist fast unmöglich. Bis ein kleiner Schrittmacher, eingesetzt von Ärzten am HELIOS Klinikum Krefeld, ihm hilft, die Kontrolle zurückzugewinnen.

(ddp direct) Hans-Peter Graudenz genießt sein Leben, nur noch zwei Jahre sind es bis zu seinem Ruhestand. Der gebürtige Niederrheiner fühlt sich fit, viel jünger als die 63 Jahre, die in seinem Ausweis stehen. Nur kleine Hämorrhoiden quälen ihn längere Zeit. Sie sollen im Frühjahr 2009 endlich entfernt werden. Doch aus dem Routineeingriff wird ein Spießrutenlauf. Denn scheinbar tritt eine der seltenen Komplikationen ein: der Schließmuskel am After wird in Mitleidenschaft gezogen und lässt sich nicht mehr steuern. Zu Beginn besteht noch Hoffnung, dass seine Unfähigkeit, den Stuhl zu halten, wieder verschwindet. Doch ihm geht es wie rund zehn Millionen weiteren Deutschen mit Inkontinenz: Nach Wochen voller unangenehmer Situationen und durchweichter Hosen wird dem Maschinenschlosser schließlich klar, dass es so bleiben wird.

Familie und Freunde unterstützen ihn im Alltag, darüber zu sprechen fällt dem heute 65-Jährigen trotzdem nicht leicht: „Es war eine zermürbende Zeit. Meine Erledigungen musste ich immer in Toilettenetappen planen. Und wenn ich es nicht rechtzeitig schaffte, konnte ich nur hoffen, dass keiner die Flecken in der Hose sah, bis ich zu Hause war.“ Auch Medikamente und Beckenbodenübungen helfen nicht. Er erträgt die Scham und die durch den ständigen Stuhlabgang brennenden Schmerzen tapfer, bis ihn seine Ärztin im Sommer 2012 ins Kontinenzzentrum am HELIOS Klinikum Krefeld überweist. Dort hört er zum ersten Mal von einem Verfahren, das er bis dahin nur mit Herzerkrankungen verbunden hatte: der Nervenstimulation mit Hilfe eines Schrittmachers.

„Er wird in einem kleinen Eingriff im oberen Gesäßbereich eingesetzt. Feine Elektroden reaktivieren die wichtigsten Nerven des Beckenbodens und stellen so die Funktion des Schließmuskels am Darmausgang wieder her“, erklärt Prof. Dr. med. Thomas Frieling, Chefarzt der Medizinischen Klinik II am HELIOS Klinikum Krefeld und Leiter des Zentrums. Eine risikoarme, aber teure Therapie – die erst in Frage kommt, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Zunächst testen die Ärzte mit einem oberflächlich angebrachten Stimulator mehrere Wochen, ob das Verfahren auch bei Hans Peter Graudenz funktioniert: „Es war wunderbar, ich hatte mein altes Leben mit einem Schlag zurück.“ Dann wird der Schrittmacher endlich fest implantiert. Bedienen lässt er sich mittels einer kleinen Fernsteuerung, die der Patient bei sich trägt. „Je mehr von den Funktionen der Sakralnerven noch übrig ist, desto weniger Stimulation brauchen sie“, so Priv.-Doz. Dr. med. Christoph Wullstein, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am HELIOS Klinikum Krefeld.

Zu Beginn kann es ein bisschen kribbeln, eine Nebenwirkung, die Hans Peter Graudenz gerne in Kauf nimmt. Und, so vermutet er, bestimmt auch andere Betroffene: „Ich habe meine Scheu abgelegt und will offen darüber sprechen, damit viele, die das gleiche durchmachen müssen wie ich, davon erfahren.“

Am Mittwoch, 9. Januar 2013 um 18 Uhr, trifft sich zum ersten Mal die von ihm initiierte Selbsthilfegruppe im Klinikum – Neubau, Konferenzraum, grüner Trakt, 3. Etage. Abgesehen davon aber macht Hans Peter Graudenz vor allem das, worauf er sich so lange gefreut hatte: seinen Ruhestand „etappenlos“ genießen.

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