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„warum müssen wir immer wieder betteln um unser geld?“

Kind im KiTa-Alter entdeckt die Welt (c) qimono / pixabay.de

warum werden nicht tagesmütter bei der stadt angestellt, mit sozial- und rentenversicherung? das gehe nicht, meint referatsleiter herbert holakovsky: die tagesmütter hätten einen status wie freie unternehmerinnen. –  mit diesem zitat endet ein artikel der faz von klaus wolschner.

ausgangspunkt war der „sturm“ auf das amt für soziale dienste in bremen durch über 50 tagesmütter, die ihrem ärger über zu wenig geld, schlechte betreuung und service durch die verwaltung luft machten. ob kindertagespflege angeboten wird als zusätzliches betreuungsangebot obliegt der entscheidung der kommune, so wie in leipzig, was kindertagespflege schon seit dem jahr 2002 intensiv fördert. so wurden innerhalb von 5 Jahren,die kindertagespflege als gleichwertiges angebot zur kinderkrippe stark ausgebaut. der eigens eingerichtete und mit der betreuung der kindertagespflegepersonen beauftragte eigenbetrieb der stadt leipzig vkkj kümmert sich um auszahlung der gelder, vermittelt zwischen eltern, anbietern und entscheidet auch, wer kindertagespfleger(in) werden darf und wer nicht. so verfügt leipzig mittlerweile über gut 400 tagesmuttis und -vatis, die im schnitt jede(r) knapp 4 Kinder betreuuen. das macht gut 1600 betreuungsplätze.

aber wie steht es denn in leipzig um das wohl der betreuenden und betreuten?

wenn ich mich recht erinnere gab es am jahresanfang für alle zugelassenen ktp’s eine saftige gehaltserhöhung pro stunde und betreuten kind um 2 cent. ohne einen stunden“lohn“ zu nennen, machen wir einen ausflug in den alltag einer tagesmutter:

morgens 5:45 uhr in deutschland: leise und verschlafen weckt der vater den zweieinhalbjährigen paul. der kuschelt sich fröstelnd an ihn. es wird zeit flüstert, papa und trägt paul direkt ins badezimmer um die morgentoilette und das anziehen zu erledigen. während die mutter die brote schmiert und den kaffee kocht, ist paul nun angezogen, frisch gekämmt und im gegensatz zu allen anderen putzmunter. nach dem frühstück, mittlerweile ist es 6:30 uhr wird es zeit. mama fährt ins büro. sie arbeitet wieder – und papa, der bringt heute paul mit dem fahrrad zur tagesmutti.

tagesmutti susanne erwartet ihren ältesten schützling bereits. sie weiß genau, dass paul, seit die mama wieder arbeitet immer ein bißchen länger brauch, um sich vom papa loszureißen. papa und tagesmutti susanne sind mittlerweile ein eingespieltes team. paul hat sein lieblingskuscheltier mitgebracht und susanne lädt den den kleinen lächelnd zu sich in die bauecke ein. dort hat paul gestern zuletzt gespielt. der turm steht noch da, den mama und er gestern nachmittag zusammen gebaut haben. der 2,5jährige ist begeistert und sucht nach bausteinen, um sein spiel fortzusetzen. papa ergattert noch schnell ein küsschen von paul und wechselt mit susanne im tür- und angelgespräch wichtige worte. susanne braucht noch eine unterschrift. sie plant nachher mit den kindern einen herbstspaziergang in den park. dort ist ein großer spielplatz. susanne möchte von papa die erlaubnis paul zu fotografieren. papa unterschreibt und macht sich dann gegen 7 Uhr auf ins büro.

für paul beginnt ein neuer spannender tag bei susanne und 4 weiteren mini-spielkameraden im alter von 9 Monaten bis 2 Jahre. susanne ist schon seit 5 jahren tagesmutti. sie war eine der ersten, die sich nach der gesetzesnovellierung im april 2006 ihr „entdeckerstübchen“ in eine extra angemietete, kindgerecht eingerichtete wohnung verlegte. im erdgeschoss eines mehrfamilienhauses gehören susanne für 360 euro warm 2 räume, küche und bad. sie hat selbst zu hause 2 kinder im schulpflichtigen alter.

paul kommt 5 mal die woche 6:45 uhr als erstes. im 20 minuten takt folgen dann laura 9 monate, josie 16 monate, gerald und tom, die zwillige – beide 24 monate. um 7.45 uhr hat susanne full house. sie deckt den frühstückstisch. die 3 jungs helfen nach kräften. jetzt ziehen sie ihre brottaschen hinter sich her in die küche. susanne hilft ihnen sich hinzusetzen, packt laura in den hochstuhl und wärmt ihr flasche auf. die beiden mädchen sitzen rechts und links von susanne. sie schneidet ihnen kleine happen und hilft josie beim trinken aus der tasse. gerald und tom haben kindercornflakes mit. sie teilen oder besser gesagt verteilen diese mit bzw. an paul, der jauchzend mit beiden händen aus dem „vollen schöpft“. susanne beobachtet die kinder aufmerksam. sie unterhalten sich ohne „viele worte“ und verstehen sich bestens. tom ist der ruhigere des lustigen gespanns. er schlichtet oft zwischen paul und gerald, die beide gern und oft im spiel ihre kräfte messen. dabei kullern auch schon mal tränen, bauklötze fliegen oder es wird geschubst. aber susanne lächelt ins sich hinein – ernsthaft verletzt hat sich noch nie eines ihrer kinder. später wird susanne ihre beobachtungen notieren. nachdem die kleinen ausgiebig gefrühstückt haben, bereitet susanne den ausflug vor.

zuerst gehts ins bad. während die größeren allein hände und mund waschen, macht sie das bei laura noch selber. susanne nutzt die zeit im bad. sie setzt josie aufs töpchen, prüft lauras windeln auf kleine und große überraschungen und ermuntert gerald und tom nacheinander die toilette zu nutzen. sie hat mittlerweile sogar ein 2. klo in kinderhöhe einbauen lassen. auch eine trennwand zwischen klo und waschbecken bzw. wickeltisch hat sie nachträglich installiert. sie will, dass sich die kleinen wie zu hause fühlen und auch im bad die notwendige ruhe finden können. paul, der vorm essen bereits auf der toilette war, ist heute der 1., der nach dem frühstück erneut das spielzimmer stürmt. tom folgt, während gerald heute länger braucht. mit den worten: „ruf mich, wenn du fertig bis.“ bringt sie laura und josie rüber ins spielzimmer. josie möchte nicht bauen. sie zieht susanne an den maltisch, der unter dem fenster steht.

susanne legt laura in die schaukelmatte. laura ist müde. sie kommt von weit her. eine stunde fährt die mutter früh mit ihr. aber sie möchte laura nicht im in ihrem dorf betreuen lassen. durch ihren halbtagsjob ist die mutter nicht vor 14.30 uhr bei susanne. wenn sie die rückfahrt mitrechnet, heißt das vor 16 uhr nicht zu hause. dann ist mit laura nicht mehr viel los. einkaufen, ein bißchen spielen, abendbrot, waschen und da fallen laura meist schon wie von selber die augen zu.

mittlerweile ist es kurz vor 9.00. alle kinder spielen. susanne begibt sich eilig in die küche. mit wenigen handgriffen hat sie die spülmaschine eingeräumt und den tisch abgewischt. durch die offene tür beobachtet sie die kinder. susanne beeilt sich. spätestens gegen 11.00 uhr muss sie wieder da sein. da wird das mittagessen durch den caterer geliefert. alles ist gut vorbereitet:

während sie laura auf dem flur anzieht, begleitet sie josie und die jungs bei dem versuch sich ihre jeans anzuziehen. „na das klappt doch schon super. prima tom und nun hol bitte deine schuhe.“ tom flitzt los und kommt mit einem seiner schuhe zurück. susanne lacht schallend. in der anderen hand hat er ihren schuh. nun ist susanne mit anziehen dran, versucht tom ihr mit einem rütteln an ihrem fuß klarzumachen. susanne setzt josie und laura, die mittlerweile fertig sind auf dem boden ab und hilft den jungs. gegen 9.30 uhr sind alle startklar. auf in den park lotst susanne die bande vor die tür. sie hat glück. vor kurzem ergatterte sie einen der heißbegehrten 6er wägelchen bei einer schlosserei hier in leipzig. nun haben alle 5 kinder platz und susanne kann entspannt den geplanten ausflug beginnen. sie ist bereits seit 5 stunden auf den beinen und betreut seit knapp 3 Stunden 5 kinder.

und nun raten sie, was sie dafür bis jetzt verdient hat? nach der novellierung ganze 30 Euro und 60 cent. schnell werden sie liebe leser nun an dieser stelle den taschenrechner rausholen, um den stundenlohn zu errechnen und spätestens beim erscheinen des ergebnisses ungläubig bzw. verdutzt schauen. ja. es stimmt.

susanne kehrt derweil mit 5 hungrigen kindern und einem sack voll fotos im gepäck nach hause zurück. mittagessen und anschließend mittagsruhe, wenn alles glattgeht. die knapp 2 h von 12 bis 14 uhr genießt susanne. sie räumt das spielzimmer auf, macht sich in der küche erste notizen in ihrem kindertagebuch. dabei läuft die spülmaschine. noch die räume lüften und die gelegenheit nutzen, die gemachten bilder auf dem laptop zu speichern. noch schnell in die verschiedenen ordner der kinder sortiert und fertig. viele ordner mit namen, daten und geschichten liegen dort auf ihrer festplatte.

susanne liest auch noch emails. eine mail von josies mutti ist dabei. sie kommt heute 30 minuten später als sonst, verspricht aber josie dafür am freitag schon kurz nach dem mittag zu holen. für susanne kein problem. josies mutter hat genau wie laura einen 30 h vertrag. die gesamtwochenstunden schiebt josies mutter hin und her, wie sie es eben braucht. und, wenns doch mal eng wird, bietet susanne ihnen an gegen einen mehrbetrag von 6 euro pro angefangene stunde auch mal ein stunde draufzulegen. dafür schreibt sie den eltern eine rechnung.

gerald hustet. heute nicht das erste mal. susanne schaut besorgt zur uhr. 13.30 uhr. aber es bleibt ruhig. diesmal schafft susanne es ihre notizen zu beenden. sogar die aktualisierung der plätze im familienkatalog war noch drin. aller 30 tage bekommt sie elektronische post von den familienfreunden. dann nur kurz auf den link in der mail klicken und das formular belegung ausfüllen. die 4stellige id oben rein. maildresse. kapazität krippe 5 und ist-krippe auch 5 – und susanne aktualisiert gern. sie weiß, dass sie sich kümmern muss.

der vertrag von gerald, tom und paul läuft im september 2008 aus. sie gehen in den kindergarten gleich um die ecke. glück gehabt. auch noch die gleiche gruppe. wenn es wirklich klappt, muss susanne 3 plätze neu vergeben. das heißt gespräche führen, am telefon sein und besichtigungen vereinbaren. schon josie und laura kamen über familienfreund zu ihr. die eltern haben im leipziger familienkatalog susannes detailseite gefunden – helle räume, interessantes pädagogisches konzept, flexible öffnungszeiten und viele, viele angebote.

das lockt die eltern, freut sich susanne jedes mal wieder und spürt, dass sie es richtig macht. öffentlichkeitsarbeit ist wichtig. nach 5 jahren hat sie eigene flyer, eine homepage und visitenkarten. über den familienkatalog hat susanne noch mit anderen tagesmuttis und einem tagesvati kontakt aufgenommen. eine wohnt gleich um die ecke. beide sprechen sich ab und übernehmen gegenseitig im urlaub die vertretung füreinander. selbstständige werden ja nicht krank. susanne ist froh, dass maria da ist. vom knappen budget besuchen sie regelmäßig weiterbildungen. beide wollen und müssen sich fit halten. bildungsauftrag ist das, was heute gefragt ist. beobachten, dokumentieren, mit den kindern die welt entdecken – sie begleiten, unterstützen und herausfordern. und auch susanne fühlt sich herausgefordert. jeden tag.

es ist 14.30 uhr vesperzeit. alle kinder sind wieder putzmunter. die abholzeit beginnt. nach dem vesper erscheint lauras mutti abgehetzt in der tür. susanne begrüßt sie freudestrahlend. laura steht gerade am schrank und versucht die schublade zu öffnen. neugierig zieht sie am griff. als lauras mama ruft, dreht laura ihren kopf und lächelt jauchzend. nach einer stürmischen begrüßung und einer kurzzusammenfassung des tagesgeschehens macht sich laura mit ihrer mutter auf den heimweg. die mama von paul ist nummer 2. diesmal hat sie aber nicht soviel zeit, um mit paul einen turm zu bauen. paul muss noch zum impfen beim kinderarzt.

nun hat susanne noch zeit für den rest der bande. gegen 15.30 uhr holt sie die fingermalfarben raus. zusammen klecksen, malen und matschen sie, was das zeug hält. dabei erzählt susanne eine geschichte vom igel, der im winter ein plätzchen zum schlafen suchen muss und singt ein lied, dass gerald, tom und josie schon kennen. einige wenige worte „singen“ sie mit und stampfen alle kräftig mit den füssen im takt. in der dritten oder vierten etage wäre das wohl nicht möglich. während josie um 16 uhr abgeholt wurde, sind gegen 17 uhr auch die zwillige mit ihren 9 h verträgen auf dem heimweg. susanne hat aufgeräumt und macht sich selbst auf den weg nach hause.

plätze wurden 2006 in connewitz, mitte und nord gebraucht. sie selbst wohnt im südosten der stadt im ortsteil stötteritz. ihre tagespflege ist direkt am clarapark, schwägerichenstraße. und jetzt gegen 17.45 uhr ist susanne selbst zu hause bei mann und kindern angekommen. und was sie in der zeit von 7 bis 17 uhr insgesamt bekommen hat? bei drei 9h verträgen und zwei 6 h verträgen macht das am tag 85 euro und 68 cent. vorerst bis zum ende des jahres noch steuerfrei. susanne erhält pro kind von der stadt eine pauschale. bei 9 h verträgen (max. 45 wochenstunden betreuung) ergeben sich 367,20 im monat. bei 6 h verträgen (max. 30 wochenstunden betreuung) ergeben sich 244,80 im monat.

klar, dass klingt erstmal ziemlich gut – 1591,20 euro steuerfrei. wenn wir aber nun die renten- und krankenversicherung der unternehmerIn abziehen, die miete fürs entdeckerstübchen wegrechnen, die kosten für den opel vivaro für ausflüge mit ihren tageskindern abziehen, und spiel- bzw. bastelmaterialien sowie fort- und weiterbildung weggerechnet haben, bleiben unterm strich um die 800 euro netto übrig.

aber susanne ist zufrieden oder doch nicht?

naja die sorgen kommen 2008. ab januar droht die versteuerung des einkommens . gern würde susanne wirklich, wie ein „freie unternehmerIn“ denken und handeln. sechs kinder kann eine krippenerzieherIn laut betreuungsschlüssel institutionell betreuen. mit einer 2. tagesmutti, hat susanne überlegt, könnte man durchaus 12 bis 15 kinder betreuen. leider ist das gesetzlich nicht möglich. mehr als 5 kinder sind eben nicht drin! susanne seufzt leise. als unternehmerIn muss ich mir vorschreiben lassen, wieviel kunden ich habe. klar – qualität ist wichtig. das will sie ja auch. sie misst ihre arbeit mit der tagespflegeskala (tas) und wird auch regelmäßig über ihren träger bei der arbeit besucht und beobachtet. aber manchmal hadert susanne mit sich. da blättert sie im katalog und wünscht sich in ihrer tagespflege eine 2. oder sogar 3. spielebene. mit 2,04 euro stundenlohn ist dieser spagat nicht möglich.

über den träger kann sie fachberatung bekommen auch die kita um die ecke mit den kids besuchen. die erzieherinnen kennen und mögen susanne. trotzdem kann sie bei ihrem träger fürs entdeckerstübchen keine materialkosten beantragen oder an gemeinsam bezahlten fortbildungen teilnehmen und das obwohl die stadt leipzig kindertagespflege mit 200 % direkt pro kind und monat an den träger bezuschusst. doch nur die hälfte erreicht susanne tatsächlich.

schon manchmal hat susanne dran gedacht einen stammtisch im stadtbezirk in leben zu rufen. alle tagesmuttis und -vatis anzuschreiben. sich treffen und über die arbeit reden und sich organisieren.

noch sind susannes wünsche größer als ihre sorgen und nöte. aber vielleicht ändert sich das ja mal?

 

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