experteninterview zum thema "wechseljahre" mit privatdozent dr. alexander römmler, gynäkologischer endokrinologe und mitbegründer des hormonzentrums münchen. ehrenpräsident der deutschen gesellschaft für prävention und anti-aging-medizin (gsaam) e.v.
1. zwei drittel aller frauen leiden unter wechseljahresbeschwerden. wovon hängt es ab, wie stark man betroffen ist?
pd dr. römmler: es gibt verschiedene symptome, die sich bei einem östrogenabfall bereits kurzfristig bemerkbar machen können. zum einen solche, die die psyche und das nervensystem betreffen, wie hitzewallungen, und zum anderen körperliche symptome wie trockene haut und schleimhäute. frauen, die über eine robuste psychische verfassung verfügen und unterstützung von ihrem sozialen umfeld erfahren, stecken einen östrogenentzug häufig besser weg als andere. ebenso wirkt sich ein nur langsam verlaufender hormonrückgang oder eine noch andauernde hormonelle restproduktion positiv aus.
2. warum kommt es zu hitzewallungen, schweißausbrüchen oder schlafstörungen?
pd dr. römmler: dies sind folgen des kontinuierlichen hormonrückgangs, der sich in bestimmten gehirnarealen wie dem hypothalamus abspielt. wendet man zum ausgleich ausreichend dosierte östrogene an, sind solche symptome in wenigen tagen beseitigt. ansonsten lassen sie auch von alleine nach, wobei die zeitspanne aber nicht vorhersehbar ist: sie kann wenige wochen oder viele jahre betragen.
3. inwiefern beeinflusst der hormonrückgang den natürlichen schutz von knochen, herz, kreislauf und gefäßen?
pd dr. römmler: unsere organe und deren funktionen werden nicht nur durch ernährung, mikronährstoffe und aktivitäten aufgebaut und gesund erhalten, sondern auch durch hormone. hierbei sind gerade die eierstockshormone östrogen und progesteron bedeutsam, da sie besonders hohe schutzfunktionen für praktisch alle organsysteme steuern. fallen diese hormone mit den wechseljahren unter den mindestspiegel ab, verringern sich auch deren natürliche schutzwirkungen.
4. welche bedeutung kommt sport in den wechseljahren zu – und welcher ist besonders geeignet?
pd dr. römmler: durch körperliche und geistige aktivitäten werden die entsprechenden organsysteme angeregt und damit deren gesunderhaltung unterstützt. besonders förderlich sind bewegungsabläufe, die möglichst viele muskelgruppen in harmonie beanspruchen, etwa schnelles gehen, radfahren, schwimmen, ballspiele und gymnastik. auch leichtes krafttraining und vor allem gehirnjogging können hilfreich sein und sollten nicht vergessen werden.
5. wann ist eine hormontherapie ratsam und welchen vorteil bieten moderne hormongels im vergleich zu anderen darreichungsformen?
pd dr. römmler: entzugssymptome können für frauen belastend sein, so dass ein hormonersatz als logische therapie eingesetzt werden kann und in der regel auch von kostenträgern erstattet wird. da östrogen und progesteron natürlicherweise auch zur gesunderhaltung vieler organsysteme und deren funktionen beitragen, ist ein hormonersatz zudem eine maßnahme zur vorbeugung von folgeerkrankungen wie beispielsweise osteoporose. hormongaben können jedoch auch risiken und nebenwirkungen haben. dazu gehören thrombotische ereignisse, die aber unter der darreichung eines östrogen-gels wie etwa gynokadin dosiergel kaum noch vermehrt zu beobachten sind. neuere studien zeigen, dass ein hormonelles brustkrebsrisiko eher durch synthetische gestagene beeinflusst wird, wobei natürliches progesteron besonders risikoarm zu sein scheint.
6. helfen pflanzliche wirkstoffe gegen die beschwerden? welche erfahrungen gibt es damit?
pd dr. römmler: auch pflanzen enthalten hormonähnliche substanzen, die aber mit den menschlichen hormonen und ihren funktionen nicht identisch sind. daher können sie nur gewisse hormonelle mangelsituationen lindern. in welchem maße die so genannten phytohormone wirksam sind, ist von frau zu frau unterschiedlich. nutzen und risiken können derzeit außerdem nicht ausreichend bewertet werden.
7. wie wirken sich die wechseljahre auf die sexuellen bedürfnisse der frauen aus?
pd dr. römmler: die sexualität – besonders im alter – wird durch zahlreiche faktoren beeinflusst, zu denen auch die hormone gehören. durch den hormonmangel können somit auch sexuelle bedürfnisse und empfindungen beeinträchtigt werden. östrogengaben verbessern eine vaginale trockenheit und zusätzlich die psychische aufgeschlossenheit. ein libidomangel wird hingegen – sofern er hormonell bedingt ist – eher durch einen androgenabfall begünstigt. ein solcher mangel an testosteron oder dhea ist jedoch altersbedingt, wobei ein teil des testosteronrückgangs und seiner folgen auch mit dem nachlassen der hormonproduktion in den eierstöcken ab den wechseljahren zusammenhängt.
8. frauen in den wechseljahren legen häufig an gewicht zu – wie lässt sich das verhindern?
pd dr. römmler: der während und nach den wechseljahren oft zu beobachtende gewichtsanstieg wird neben der ernährung, die im hinblick auf alter und aktivität zu viele kalorien enthält und eine zu hohe glykämische belastung mit sich bringt, meist durch einen hormonell bedingten körperumbau gefördert: die muskelmasse nimmt ab, die fettmenge nimmt zu. um diesem effekt entgegenzuwirken, helfen nur kombinierte maßnahmen: 1. kalorienreduktion – das heißt anpassung der kalorienzufuhr an den im alter geringeren grundumsatz und die häufig reduzierte körperliche bewegung. 2. verminderte glykämische belastung – das bedeutet die herabsetzung des verzehrs stärkehaltiger nahrungsmittel. 3. mehr körperliche aktivitäten und krafttraining.
veröffentlicht: Familienservice Familienfreund KG -- Freitag, 14. Oktober 2011; 21:34:16 Uhr