so würde die bild-zeitung wahrscheinlich titeln oder auch : „ist das noch sozial, herr bürgermeister fabian (spd)? Nur jedes 2. kind darf in die krippe !“
zur besten mittagszeit wurde am 9. november 2011 im leipziger rathaus das langfristige entwicklungskonzept kindertagesstätten bis 2025 vorgestellt. auf einige, wenige punkte möchten wir gerne etwas näher eingehen und womöglich denkanstösse liefern.
was sind eigentlich kindertagesstätten ?
seit unserer gründung im jahr 2006 dürfen wir den menschen erklären, wie nach sozialgesetzbuch 8 und u.a. dem sächsischengesetz zur förderung von kindern in tageseinrichtungen (sächskitag) eine kindertagesstätte, ein kindergarten, eine kinderkrippe und die kindertagespflege definiert wird. umso erstaunter waren wir wieder einmal, mit welcher innovation die vorlage für den stadtrat im jahr 2011 aufwartet:
„in dieses konzept neu aufgenommen wurden die horte und die heilpädagogischen einrichtungen, da sie für die gesamteinschätzung des themas kindertagesbetreuung in leipzig unverzichtbar sind.“ (seite 3)
auch im rathaus ist also angekommen, dass horte zu den kitas gehören. das freut uns sehr.
behindert oder nicht ?
nicht zum ersten mal mussten wir, die wir uns tagtäglich um sorgen und nöte von menschen kümmern, mit verwunderung zur kenntnis nehmen, wie teilend die vertreter des leipziger dezernates für jugend, soziales, gesundheit und schule über die verschiedenen, wenn auch jungen menschen, sprechen und schreiben.
„die zielstellung besteht darin, die schnittstelle zwischen sbg 12 und sgb 8 und der damit direkt im zusammenhang stehende auftrag der inklusion behinderter kinder zu optimieren.“ (seite 3)
schade, dass es nicht um das miteinander von jungen menschen mit unterschiedlichen förderbedürfnissen geht. aber nach der aussage von oberbürgermeister burkhard jung bei der eröffnung des tages der begegnung von menschen mit und ohne behinderung, dass inklusion für ihn ein neues wort ist, ist das von seinen mitarbeitern und kollegen nicht anders zu erwarten. leider.
entwicklung wohnhafter kinder in der stadt leipzig bis 2025 (prognose)
altersgruppe | 2011 | 2012 | 2013 | 2014 | 2015 | 2020 | 2025 |
bis 3 jahr | 15699 | 15739 | 15728 | 15668 | 15589 | 15017 | 14513 |
3 bis 7 jahre | 17699 | 18547 | 19229 | 19664 | 19861 | 19484 | 18771 |
summe | 33398 | 34286 | 34957 | 35332 | 35450 | 34501 | 33284 |
auf die vielen, vielen tollen neuen plätze der vergangenen jahre, die bei der präsentation präsentiert wurden, möchten wir hier verzichten. in der vergangenheit haben wir leider feststellen müssen, dass von den geplanten und angekündigten einrichtungen nur ein teil, meist sogar weniger als die hälfte, umgesetzt wurden.
und dennoch stimmen wir @signifikanten zu, der twitterte: „jeder tagesstättenplatz ist ein guter. auch im plan. "
was ist denn nun bedarf bzw. wer hat bedarf ?
für die definition des bedarfes gibt es leider keine endgültige juristische auslegung. so legt das amt für jugend, familie und bildung der stadt leipzig mit folgender ausführung die maßstäbe recht niedrig:
„bei der ermittlung des bedarfs wurde von dem grundsatz ausgegangen, dass nutzungsquoten zu einem zeitpunkt erhoben werden, an dem ein repräsentativer einblick in die tatsächliche und maximal zu erwartende belegungssituation möglich ist. für den kinderkrippenbereich ist das der monat dezember, für den kindergarten der monat juni und für den hort der monat september.“ (seite 16)
warum recht niedrig?
wenn es keine plätze gibt, dies über einen längeren zeitraum und dazu noch stadtweit bekannt, werde ich, auch wenn ich meinem kind die beste bildung, erziehung und betreuung angedeihen lassen muss (art. 6 grundgesetz), diese pflicht nicht wahrnehmen und keinen bedarf anmelden. somit sind die nutzungsquoten viel niedriger als das wirkliche bedürfnis des bürgers, ein verbrieftes recht (§24 abs. 2 sgb 8) auf ein bedarfsgerechtes angebot einzufordern.
„für das jahr 2011 wird bei der berechnung des platzbedarfs analog 2010 eine nutzungsquote von 46 % wie 2010 verwendet und diese für die fortschreibung der jahre 2012-2014 jährlich um 1 % angehoben.“
andersherum betrachtet werden also von vornherein 54% der kinder von einer hochwertigen und pädagogischen bildung und erziehung geplant ausgeschlossen. und unter berücksichtigung der nicht umgesetzten pläne aus der vergangenheit billigend in kauf genommen, dass noch mehr junge menschen ihrer gleichen bildungschancen beraumt werden.
„2015 soll damit eine nutzungsquote für krippenkinder in kindertageseinrichtungen von 50 % erreicht werden, die dann für die folgejahre bis 2025 fortgeschrieben wird. für die altersgruppe der kindergartenkinder wird ab dem jahr 2012 eine nutzungsquote von 92 % zugrunde gelegt.“
platzbedarf aus geplanter nutzungsquote im vorschulalter
altersgruppe | 2011 | 2012 | 2013 | 2014 | 2015 | 2020 | 2025 |
krippenplätze in kindertageseinrichtungen | 4880 | 5002 | 5110 | 5200 | 5277 | 5093 | 4913 |
kindergartenplätze in kindertageseinrichtungen | 16106 | 17063 | 17691 | 18091 | 18272 | 17925 | 17270 |
kindertageseinrichtungen insgesamt | 20986 | 22065 | 22801 | 23291 | 23549 | 23018 | 22182 |
ob mit diesem konzept das große ziel einer kinder- und familienfreundlichen stadt zu schaffen ist ?
„die gemeinsame schaffung kinder-, jugend- und familienfreundlicher lebensbedingungen muss auch künftig in leipzig nicht als herkömmliche sozialpolitik verstanden werden, sondern als eine zukunftsorientierte kommunale entwicklungspolitik“.(strategische ziele der kommunalpolitik für die haushaltsplanung ab 2006 – RB-Nr. 1286/05g vom 14.12.2005).
quelle der seitenangaben: die stadtratsvorlage (pdf) ist im elektronischen ratsinformationssystem der stadt leipzig zu finden.
veröffentlicht: Familienservice Familienfreund KG -- Donnerstag, 10. November 2011; 00:36:34 Uhr