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Experteninterview zum Thema Rückenschmerzen

Hilfsmittel Pflege (c) familienfreund.de

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Als professioneller Dienstleister für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erhalten wir tagtäglich die unterschiedlichsten Fragen und beantworten diese fachlich korrekt. Uns helfen dabei viele, deutschlandweit vorhandene Experten der verschiedensten Fachbereiche. Normalerweise stehen diese Leistungen nur unseren Kunden zur Verfügung. Nach unserer Ratgeberaktion Rückenschmerzen am 11.07.2013 interviewten wir Professor Dr. med. Ulf R. Liljenqvist. Er ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Chefarzt an der Orthopädischen Klinik II / Wirbelsäulenchirurgie am St. Franziskus Hospital in Münster. Darüber hinaus ist er Generalsekretär der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft e.V.

1. Rückenschmerzen sind eine Volkskrankheit. Wann kann man darauf setzen, dass sie „von allein“ wieder verschwinden und wann sollte man einen Arzt aufsuchen, um eine Diagnose und exakte Schmerzbestimmung einzuholen?

Prof. Dr. Liljenqvist: Die häufigsten Formen des Rückenschmerzes sind unspezifisch, das bedeutet, dass eine schwerwiegende Ursache des Schmerzes nicht gefunden werden kann. In der Regel klingen sie nach kurzer Zeit, spätestens nach wenigen Wochen wieder ab. Rückenschmerzen, die länger als sechs Wochen bestehen, sollten vom Arzt abgeklärt werden. Dazu gehören die persönliche Befragung des Patienten, die körperliche Untersuchung und ein Röntgenbild der Wirbelsäule. Bei Schmerzen, die ins Bein ausstrahlen, sollte umgehend der Arzt konsultiert werden. Bei Taubheitsgefühlen oder Lähmungen in den Beinen oder Störungen der Blasen- oder Mastdarmfunktion sollte unverzüglich ein Krankenhaus mit wirbelsäulenchirurgischer Kompetenz aufgesucht werden.

2. Rückenleiden sind eine Zivilisationskrankheit, sie entstehen vor allem durch zu langes Sitzen vor dem Computer und zu wenig Bewegung. Wie kann man im Büro während eines Arbeitstages seinen Rücken am besten entlasten?

Prof. Dr. Liljenqvist: Das Beste für den Rücken ist Bewegung. Daher sollte jeder, der einen überwiegend sitzenden Arbeitsplatz hat, darauf achten, immer wieder die Körperposition vom Sitzen ins Stehen oder Umhergehen zu wechseln. So kann man etwa im Stehen telefonieren oder Diktate im Gehen erledigen. Ideal sind dabei höhenverstellbare Schreibtische, die einem die Schreibtischarbeit im Stehen ermöglichen. Jeder, der unter gravierenden Rückenproblemen leidet, sollte sich von seinem Physiotherapeuten mehrere Übungen zeigen lassen, die er auch während der Arbeitszeit in Form aktiver Kurzpausen absolvieren kann.

3. Man hört immer wieder, dass in Deutschland bei Rückenproblemen zu schnell zu einer OP geraten wird. Wann kann denn konservativ behandelt werden und wann muss eine OP in Betracht gezogen werden?

Prof. Dr. Liljenqvist: Eine Operation macht nur dann Sinn, wenn die Quelle der Beschwerden eindeutig identifiziert ist. Der einfache Rückenschmerz bei normalem altersentsprechendem Verschleiß der Bandscheiben sollte beispielsweise nicht operiert werden, da die Ursachen für den Schmerz viel zu mannigfaltig sind. Bei einem großvolumigen Bandscheibenvorfall mit einer eindeutigen klinischen Diagnose kann dagegen eine Operation sehr wohl Sinn machen, sollten konservative Maßnahmen nicht greifen. Ein konservativer Therapieversuch sollte immer unternommen werden, wobei es häufig Geduld erfordert, bis die Behandlungsmaßnahmen die gewünschte Linderung bringen. Aber auch das einfache Zuwarten unter vorübergehender Einnahme von Schmerzmitteln führt in vielen Fällen zum spontanen Abklingen der Beschwerden. Eine operative Therapie ist immer dann zwingend erforderlich, wenn ein krankhafter Wirbelsäulenbefund zu gravierenden neurologischen Störungen führt. Aber auch wenn die konservative Therapie nach sechs bis zwölf Wochen nicht den gewünschten Erfolg bringt, sollte ein Wirbelsäulenchirurg mit der Fragestellung einer möglichen operativen Behandlung konsultiert werden.

4. Und welche konservativen Therapien kommen heute generell bei Rückenschmerzen infrage und wie lange dauern sie im Regelfall?

Prof. Dr. Liljenqvist: Die Palette an konservativen Behandlungsmaßnahmen ist äußerst breit. Sie reicht von den unterschiedlichen krankengymnastischen Therapieformen und sogenannten balneophysikalischen Maßnahmen wie Wärme, Bäder, Strombehandlung über alternative Behandlungsformen wie Akupunktur bis hin zur ärztlich durchgeführten Chirotherapie und gezielten Injektionsbehandlung. In der Regel beträgt die Dauer der Therapie sechs bis zwölf Wochen.

5. Auch die Psyche soll gerade heute, wo so oft beispielsweise von Burn-out die Rede ist, häufig für Rückenschmerzen verantwortlich sein. Was halten Sie von dieser These?

Prof. Dr. Liljenqvist: Jeder Mensch hat seine „psychische Schwachstelle“, das Organ, in das Schmerzen bei psychischen Überlastungsreaktionen projiziert werden. Bei dem einen äußert sich das in Kopfschmerzen, bei dem anderen in Bauchschmerzen oder Darmbeschwerden und bei dem dritten in Rückenschmerzen. Insofern halte ich die psychische Komponente für äußerst wichtig.

6. Wenn die Psyche eine so große Bedeutung hat, sollte man dann zur Therapie von starken Rückenschmerzen auch einen Psychologen hinzuziehen?

Prof. Dr. Liljenqvist: Es ist sicherlich übertrieben, bei jedem Rückenschmerzpatienten den Psychologen mit ins Boot zu holen. Zeigt sich jedoch eine gravierende Diskrepanz zwischen objektivierbaren klinischen und bildmorphologischen Befunden einerseits und den geklagten Beschwerden andererseits, so sollten psychosomatische Ursachen durch einen geschulten Psychologen abgeklärt werden. Gleiches gilt für chronische Schmerzen über einen Zeitraum von länger als sechs Monaten, die durch ärztliche Behandlung nicht zu lindern sind.

7. Das A und O, um Rückenschmerzen zu vermeiden und die Wirbelsäule zu entlasten, ist die Stärkung der Rückenmuskulatur durch Training. Wie sollte ein solches Training aussehen, kann man es zuhause machen oder sollte man in spezielle Einrichtungen gehen?

Prof. Dr. Liljenqvist: Sowohl als auch. Sehr viele verschiedene Wege führen zum Aufbau und Erhalt eines guten Muskelkorsetts. Häufig steht das krankengymnastisch angeleitete Muskelaufbauprogramm zunächst ohne, im weiteren Verlauf an Geräten am Anfang der Behandlung. Es gibt aber auch viele professionell geführte Fitnesszentren, die gezielte Rückenprogramme und ihre Durchführung unter Anleitung anbieten. Gerade bei unseren älteren Patienten ist der regelmäßige Besuch der „Muckibude“ erfreulicherweise keine Seltenheit mehr. Ähnlich wirksam ist jedoch auch die tägliche Durchführung erlernter Übungen zuhause.

8. Man liest heute immer wieder, dass selbst bei starken Rückenschmerzen nicht Ruhe, sondern Bewegung angesagt ist. Aber welche Art von Bewegung bzw. Sport kann das sein?

Prof. Dr. Liljenqvist: In der akuten Phase des Rückenschmerzes sollte man sportliche oder andere belastende Tätigkeiten unterlassen. Es ist richtig, dass man in Bewegung bleiben und sich nicht ins Bett legen sollte. Ist der erste akute Schmerz abgeklungen, können erste vorsichtige sportliche Betätigungen wie Schwimmen, Laufen oder Radfahren wieder aufgenommen werden.

9. Welche Sportarten gelten generell als rückenschonend und welche nicht?

Prof. Dr. Liljenqvist: Grundsätzlich gelten Ausdauersportarten wie Schwimmen, Laufen oder Radfahren als rückenschonend und sogenannte Stop-and-go-Sportarten, wie Tennis, Squash, und Kontaktsportarten, wie etwa Fußball, Handball, Basketball, als wirbelsäulenbelastend.

10. Welche Bedeutung hat die Wahl der richtigen Schlafunterlage für die Rückengesundheit?

Prof. Dr. Liljenqvist: Aus wissenschaftlicher Sicht spielt die Wahl der Matratze keine Rolle. Jeder sollte sich die Matratze – oder ein Wasserbett – aussuchen, in dem er am besten schläft.

 

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