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Selbstbestimmt sterben? Über Sterbehilfe wird kontrovers diskutiert

Friedhof (c) familienfreund.de

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(djd). Mehr als zwei Drittel der Bundesbürger sprechen sich nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit für Sterbehilfe aus. Bei einer schweren Erkrankung wollen demnach 70 Prozent der Befragten die Möglichkeit haben, etwa auf ärztliche Hilfe bei der Selbsttötung zurückzugreifen. Wie ist der Stand der Dinge? Welche Formen der Sterbehilfe sind erlaubt und welche verboten? Wie verhält es sich mit der organisierten Sterbehilfe? Wie kommt man psychisch damit zurecht, wenn ein Angehöriger um Sterbehilfe bittet – gibt es dafür Beratungsstellen?

Patientenverfügung ist bindend

Auch in Deutschland kann die passive Sterbehilfe zulässig sein – aber nur dann, wenn sie dem mutmaßlichen oder in einer Patientenverfügung erklärten Willen entspricht. Die Angehörigen sind dagegen bei einer schweren Erkrankung nicht automatisch handlungsbevollmächtigt. Mit einer Vorsorgevollmacht kann man einen Vertreter bestimmen und ihm mit einer Patientenverfügung Vorgaben für Behandlungsentscheidungen bei schwerster Krankheit geben. Was genau regeln Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht? Wie müssen sie erstellt werden und wo sollte man sie aufbewahren? Wie lange ist eine Patientenverfügung gültig? Können solche Dokumente jederzeit widerrufen werden?

Vorsorge für den letzten Gang

Nicht nur das Ende des Lebensweges, auch der Abschied vom Leben selbst ist heute kein Tabuthema mehr. Viele Menschen wollen ihn nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten. Mit einer Sterbegeldversicherung kann man schon zu Lebzeiten entsprechende Vorsorge treffen und die Hinterbliebenen finanziell entlasten. Deckt eine solche Versicherung alle Kosten der Beisetzung und alle anderen direkt mit dem Tod verbundenen Ausgaben ab? Kann man Vereinbarungen über die Form der Bestattung bereits im Vorfeld mit dem Bestatter treffen?

Bestattungsformen im Wandel

Die Formen der Beisetzung werden immer vielfältiger: Die klassische Erdbestattung verliert an Bedeutung – die Zahl der Feuerbestattungen ist dagegen gerade in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Auch Seebestattungen, Waldbestattungen und alternative Ruhestätten werden immer beliebter. Der Tod ist nicht länger anonym, es wird öffentlich getrauert, und das auf höchst individuelle Weise. Auch die Rolle der Religion ändert sich: Neben der klassisch christlichen Bestattung lassen sich in zunehmender Zahl Trauerfeiern anderer Glaubensrichtungen beobachten.

Fragen zu Sterbehilfe und Bestattungsvorsorge an Rechtsanwalt Wolfgang Putz aus München

Er ist ausschließlich im Medizinrecht mit den Schwerpunkten Arzthaftungsrecht und Patientenrecht am Ende des Lebens tätig. Er ist außerdem Lehrbeauftragter an der Lmu München.

  1. passive sterbehilfe ist in deutschland erlaubt, aktive nicht. wo verläuft die grenze? wolfgang putz: erlaubt und geboten ist alles, was dem patientenwillen entspricht – mit ausnahme der direkt gewollten aktiven tötung des patienten, sei es auf wunsch des patienten oder aus eigener entscheidung (tötung oder tötung auf verlangen). insbesondere ist das beenden einer lebenserhaltenden ärztlichen therapie, etwa eine künstliche ernährung oder beatmung, nach dem willen des patienten erlaubt und geboten. das gilt auch dann, wenn die beendigung der therapie ein aktives handeln wie etwa das abschalten einer beatmungsmaschine erfordert.
  2. können sie an einem konkreten beispiel den unterschied zwischen passiver und aktiver sterbehilfe erläutern? wolfgang putz: gebotene passive sterbehilfe ist etwa die beendigung einer künstlichen beatmung bei gleichzeitiger sedierung, sodass der patient erst einschläft und dann ohne empfindungen verstirbt, sofern das gesamte vorgehen dem patientenwillen entspricht. am häufigsten wird die künstliche ernährung eingestellt. den dafür notwendigen patientenwillen kann der patient aktuell äußern oder im voraus kundgetan haben, beispielsweise durch eine schriftliche patientenverfügung. dagegen wäre es eine verbotene, aktive sterbehilfe, wenn ein patient, der gar nicht künstlich lebensverlängernd behandelt wird, darum bittet, durch eine maßnahme, wie etwa eine giftspritze, getötet zu werden. die injektion der giftspritze ist verbotene aktive sterbehilfe, also tötung durch einen anderen. ebenso legal ist die beihilfe zur selbsttötung, also aktive tötung des patienten durch sich selbst, wenn der patient frei verantwortlich ist. es muss die eigentliche tötungshandlung zwingend vom patienten selbst und nicht durch eine andere person ausgeführt werden. im übrigen darf das handeln des patienten nicht einer durch krankheit gestörten entscheidungsfindung entspringen, sonst ist jede form der beteiligung an der selbsttötung strafbar.
  3. neben der aktiven und passiven sterbehilfe gibt es auch noch die indirekte sterbehilfe. was ist darunter zu verstehen? wolfgang putz: die indirekte sterbehilfe muss korrekt als indirekte aktive sterbehilfe bezeichnet werden. man spricht dann von indirekter sterbehilfe, wenn die notwendige linderung von schwersten leiden, etwa durch medikamentengabe, als nebenwirkung bewirkt, dass das leben um kurze zeit verkürzt wird. der vorsatz, also die zielrichtung der behandlung darf dabei nicht die lebensverkürzung betreffen, sondern die leidensminderung auf ein erträgliches maß. dann ist das vorgehen legal.
  4. neben medizinischen problemstellungen gibt es auch finanzielle dinge, die man zu lebzeiten regeln sollte, zum beispiel in sachen bestattung und erbschaft. wozu raten sie hier und wann sollte man diese regelungen treffen? wolfgang putz: für die letzte phase im leben sollte man an finanzielle regelungen durch eine vorsorgevollmacht denken, etwa für die vermögensverwaltung. außerdem sollte man prüfen, ob für den eintritt des erbfalles regelungen getroffen werden sollten oder die gesetzlichen regelungen ausreichen. grundsätzlich macht es sinn, beispielsweise die eigene bestattung frühzeitig nach eigenen wünschen zu regeln und gegebenenfalls sogar im voraus zu bezahlen.

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